Umstrukturierung und Turnaround in Deutschland: Experten-Einblicke

Die deutsche Restrukturierungslandschaft verbindet rechtliche Struktur mit operativer Flexibilität. In den letzten Jahren hat die Einführung des StaRUG die Handlungsmöglichkeiten von Unternehmen deutlich erweitert, bevor eine formale Insolvenz unausweichlich wird.

In diesem Interview, Heinrich Schaible (Geschäftsführer, Valtus Deutschland) schaltet ein. Andreas Greis (Valtus Deutschland) zu erforschen, wie Restrukturierung in Deutschland funktioniert - von formalen Insolvenzregelungen bis hin zu marktgesteuerten Standards wie IDW S6 und IDW S11.

Ein strukturierter, aber flexibler Rahmen

Heinrich

Was macht den Umstrukturierungsrahmen in Deutschland einzigartig?

Andreas

Deutschland verbindet ein stark strukturiertes Rechtssystem mit einem pragmatischen Ansatz bei der Vollstreckung.

Die Insolvenzordnung (InsO) legt klare Verfahren fest, während das StaRUG einen präventiven Sanierungsrahmen einführt, der es Unternehmen ermöglicht, zu handeln, bevor eine Insolvenz unvermeidlich wird. Gemeinsam schaffen sie ein System, das Gläubigerschutz und Geschäftskontinuität in Einklang bringt.

In der Praxis bedeutet dies, dass die Unternehmen je nach Situation zwischen förmlichen Verfahren und einvernehmlichen außergerichtlichen Lösungen wählen können.

Das Verständnis der wichtigsten Insolvenzverfahren

Deutschland bietet mehrere strukturierte Wege für Unternehmen in Not.

Das reguläre Insolvenzverfahren bleibt der Standardweg und kann entweder zur Liquidation oder zur Umstrukturierung durch einen Insolvenzplan führen. Innerhalb dieses Rahmens ermöglichen Insolvenzplanverfahren den Unternehmen eine Umstrukturierung unter gerichtlicher Aufsicht, die im Prinzip dem Chapter 11 in den Vereinigten Staaten ähnelt.

Eine speziellere Option ist das Schutzschirmverfahren. Dieses ermöglicht es Unternehmen, einen Umstrukturierungsplan auszuarbeiten, während das Management die Kontrolle behält, sofern die Insolvenz droht, aber noch nicht eingetreten ist.

Neben diesen formalen Wegen ermöglicht das StaRUG eine präventive Restrukturierung. Es ermöglicht Unternehmen, die von drohender Zahlungsunfähigkeit bedroht sind, eine frühzeitige Umstrukturierung mit begrenzter gerichtlicher Beteiligung und unter fortgesetzter Kontrolle der Geschäftsführung.

IDW S6 und IDW S11: Marktstandards, die Entscheidungen prägen

Heinrich

Welche Rolle spielen der IDW S6 und der IDW S11 bei der Umstrukturierung?

Andreas

Diese Normen sind in der Praxis von wesentlicher Bedeutung, auch wenn sie rechtlich nicht verbindlich sind.

IDW S6 befasst sich mit der Frage, ob ein Unternehmen erfolgreich restrukturiert werden kann. Er untersucht die Ursachen der Krise, definiert operative und finanzielle Maßnahmen und bewertet, ob das Unternehmen nachhaltig profitabel sein kann.

Der IDW S11 hingegen stellt fest, ob Insolvenzbedingungen vorliegen. Er bewertet die Liquidität, die drohende Illiquidität und die Überschuldung und unterstützt die Geschäftsführung bei der Entscheidung, ob ein formeller Antrag gestellt werden muss.

Zusammen bieten diese Standards eine strukturierte Grundlage für die Entscheidungsfindung und werden von Banken, Investoren und Beratern in großem Umfang genutzt.

Der häufigste Fehler: Verzögerung und mangelnde Transparenz

Heinrich

Was machen Unternehmen in der Frühphase einer Krise falsch?

Andreas

Der häufigste Fehler ist die Verweigerung.

Das Management erkennt den Ernst der Lage oft erst spät und verliert wertvolle Zeit. Diese Verzögerung reduziert die verfügbaren Optionen erheblich.

Gleichzeitig mangelt es oft an Transparenz. Die wichtigsten Interessengruppen, insbesondere die Banken, werden nicht früh genug einbezogen. In Verbindung mit einer zögerlichen Entscheidungsfindung führt dies zu einer Situation, in der Probleme schneller eskalieren als sie gelöst werden.

Wenn externes Fachwissen entscheidend wird

Heinrich

Wann sollte ein externer Umstrukturierungsexperte hinzugezogen werden?

Andreas

Sobald die ersten Warnzeichen auftreten.

Sinkende Gewinnspannen, Liquiditätsengpässe oder ein schwindendes Vertrauen der Stakeholder sind allesamt Anzeichen dafür, dass Handlungsbedarf besteht. Die Rolle des Experten hängt von der jeweiligen Situation ab und kann von der beratenden Unterstützung bis hin zu Aufgaben als CFO oder CRO reichen.

Am wichtigsten ist, dass das Mandat von der richtigen Ebene kommt - in der Regel vom Vorstand oder den Aktionären -, um Autorität und Verantwortlichkeit zu gewährleisten.

Schutzschirmverfahren in der Praxis

Heinrich

Wie wirksam sind Schutzschildverfahren?

Andreas

Sie sind ein wertvolles Instrument, aber der Zeitpunkt ist entscheidend.

Schutzschirmverfahren ermöglichen die Umstrukturierung von Unternehmen unter gerichtlicher Aufsicht, während das Management im Amt bleibt. Sie sorgen für Transparenz und Stabilität, aber sie müssen früh genug eingeleitet werden, um wirksam zu sein.

Sie bieten jedoch nicht die gleiche Flexibilität wie ein vollständiges Insolvenzverfahren und sollten daher je nach Situation sorgfältig ausgewählt werden.

Arbeitnehmerschutz in der Insolvenz

Heinrich

Was geschieht mit den Arbeitnehmern während der Insolvenz?

Andreas

Deutschland bietet einen starken Schutz für die Löhne der Arbeitnehmer.

Der Staat sichert die Nettolöhne bis zu drei Monate vor der Insolvenz durch Insolvenzgeld ab. Danach müssen die Gehälter aus dem laufenden Betrieb oder aus Umstrukturierungsmaßnahmen finanziert werden.

Boni sind in der Regel nicht geschützt und werden als normale Insolvenzforderungen behandelt.

Dieses System gewährleistet eine kurzfristige Stabilität für die Beschäftigten, während die Umstrukturierungsmaßnahmen ihre Wirkung entfalten können.

Eine prägende Erfahrung: Aus Misserfolgen lernen

Heinrich

Welche Erfahrung hat Ihre Perspektive am meisten geprägt?

Andreas

Die Insolvenz meines eigenen Start-ups.

Es hat mir gezeigt, wie manche Investoren strategisch an eine Notlage herangehen und die Insolvenz als Instrument nutzen, um Vermögenswerte zu einem niedrigeren Wert zu erwerben. Nicht jeder Beteiligte ist auf eine langfristige Sanierung ausgerichtet. Einige konzentrieren sich auf die Chance.

Diese Erfahrung hat meine Einschätzung von Motivationen in Umstrukturierungssituationen verändert.

Beratung für ausländische Unternehmen

Heinrich

Was sollten ausländische Unternehmen mit deutschen Tochtergesellschaften in einer Krise tun?

Andreas

Schnelles und transparentes Handeln.

Die frühzeitige Einbindung von lokalem Fachwissen ist unerlässlich, da Deutschland über spezifische rechtliche, regulatorische und arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen verfügt, die die Umstrukturierungsoptionen beeinflussen.

Gleichzeitig muss die Koordinierung zwischen der Zentrale und dem lokalen Management gut sein. Um zu verstehen, ob es sich um ein vorübergehendes oder ein strukturelles Problem handelt, muss man sich vor Ort ein Bild machen.

Die wachsende Rolle von Private Equity

Heinrich

Wie aktiv ist Private Equity bei Umstrukturierungen?

Andreas

Privates Beteiligungskapital spielt eine immer wichtigere Rolle, insbesondere bei Fusionen und Übernahmen in Notlagen.

Während Banken und traditionelle Anteilseigner nach wie vor wichtige Stakeholder sind, bringt Private Equity oft das Kapital und das operative Know-how mit, das für die Neuausrichtung von Unternehmen erforderlich ist.

Führungsrolle bei der Umstrukturierung

Heinrich

Was macht einen starken Umstrukturierungsleiter aus?

Andreas

Widerstandsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Entschlusskraft.

Ein Umstrukturierungsleiter muss in der Lage sein, unter Druck schwierige Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig das Vertrauen der Beteiligten zu erhalten. Technisches Fachwissen ist unerlässlich, aber Führung und Kommunikation sind ebenso wichtig.

In vielen Fällen ist die eigentliche Ursache einer Krise ein Mangel an Führung im Laufe der Zeit. Eine starke, sichtbare Führung ist daher unerlässlich, um das Vertrauen wiederherzustellen.

Umgang mit der menschlichen Seite der Krise

Heinrich

Wie gehen Sie mit der emotionalen Dimension um?

Andreas

Durch die Kombination von Klarheit und Einfühlungsvermögen.

Eine transparente Kommunikation ist unerlässlich, auch wenn die Botschaft schwierig ist. Die Menschen sind eher bereit, Veränderungen zu akzeptieren, wenn sie die Situation verstehen und sich fair behandelt fühlen.

Nach meiner Erfahrung ist Klarheit eine Form von Respekt.

Ausgleich zwischen kurzfristigem Überleben und langfristiger Strategie

Heinrich

Wie bringen Sie unmittelbaren Druck mit langfristigem Erfolg in Einklang?

Andreas

Oberste Priorität haben immer die Liquidität und die operative Stabilität.

Aber die Umstrukturierung darf nicht dabei stehen bleiben. Es muss auch eine glaubwürdige langfristige Strategie entwickelt werden, die die Beteiligten von der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens überzeugt.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, beides gleichzeitig zu bewältigen.

Die Rolle von Valtus Deutschland

Heinrich

Was bietet Valtus in Umstrukturierungssituationen?

Andreas

Valtus stellt erfahrene Interim-Führungskräfte zur Verfügung, darunter CROs und Restrukturierungs-CFOs, die sofort die operative Verantwortung übernehmen können.

Darüber hinaus können wir durch unsere Zusammenarbeit mit der Management Factory Expertenbewertungen anbieten, die auf die Standards IDW S6 und IDW S11 abgestimmt sind.

Blick nach vorn: Die nächsten fünf Jahre

Heinrich

Welche Trends werden die Umstrukturierung in Zukunft prägen?

Andreas

Künstliche Intelligenz wird eine immer wichtigere Rolle spielen, insbesondere bei der Beschleunigung von Analysen und Entscheidungen.

Gleichzeitig werden sich Rahmenwerke wie IDW S6 und S11 weiterentwickeln, um dynamischere Umgebungen widerzuspiegeln.

Da die Volatilität zunimmt, wird die Nachfrage nach erfahrenen Umstrukturierungsleitern weiter steigen.

Abschließende Perspektive

Deutschland bietet eines der am besten strukturierten Umstrukturierungsumfelder in Europa.

Aber die Struktur allein ist nicht ausschlaggebend für die Ergebnisse.

Der Erfolg hängt davon ab, wie früh Unternehmen handeln, wie transparent sie die Stakeholder einbinden und wie effektiv die Führung unter Druck agiert.

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